![]() | |
|
19. Februar 2006, 02:16, NZZ am Sonntag
Star-Wars für die AugenMassgeschneiderte Brillengläser versprechen endlich die maximale Sicht. Von Alois FeusiDer erste Eindruck ist umwerfend. Da trägt man bestens angepasste Kontaktlinsen, hat keine signifikante Hornhautverkrümmung und glaubt, recht gut zu sehen. Dann setzt man eine «Fensterglas»-Brille ohne nennenswerten Kurz- oder Weitsichtigkeits- Korrekturschliff auf, und plötzlich ist die Welt eine andere. Die Farben sind brillanter, die Kontraste schärfer, die räumliche Wahrnehmung ist klarer, und die gegen das winterliche Dämmerungsgrau ankämpfenden Leuchtbuchstaben der Reklameschrift an der Fassade gegenüber sind so konturiert gezeichnet wie nie zuvor.«Fensterglas» ist eine alles andere als treffende Umschreibung der Gläser, die eine derartige Sichtverbesserung bringen. Ihr Hersteller Ophthonix nennt sie iZon-Gläser, ein Name, der dereinst für individuell Wellenfront- korrigierte Brillengläser stehen könnte wie heute Varilux für das Gleitsichtglas. Denn diese Brillengläser sind ein Hightech-Produkt, das die Binsenweisheit vom Krieg als Vater vieler Dinge einmal mehr bestätigt: Ihr Ursprung geht auf eine Entwicklung der kalifornischen Trex Enterprises Corporation zurück, die im Rahmen von Washingtons Star-Wars-Programm an Methoden zur Lenkung von Laserstrahlen zur Abwehr von Raketen arbeitete.
Abweichung korrigierenIm Jahr 2000 stiess Andreas Dreher, ehemaliger Dozent für Ophthalmologie an der University of California in San Diego, auf Trex. Dreher hatte in den achtziger Jahren in Heidelberg den weltweit ersten Laser-Augentomographen entwickelt. Später baute er einen Nervenfaseranalysator zur Früherkennung des grünen Stars (Glaukom), und Ende 1991 gründete er die Laser Diagnostic Technologies Inc. in San Diego. Das Ziel von Trex dagegen war es damals, einen Kunststoff - ein sogenanntes Plasticpolymer - zu entwickeln, dessen Brechkraft sich von Punkt zu Punkt variieren lässt. Dreher erkannte das Potenzial dieses Projekts für die Augenoptik und gründete die Firma Ophthonix.Auf seinem Weg durch die Atmosphäre schiesst ein Laserstrahl durch Luftschichten von verschiedener Dichte. Dadurch wird er immer wieder gebrochen und von seiner Bahn abgelenkt. Um ihn ins Ziel zu bringen, muss diese Abweichung oder Aberration korrigiert werden. Dasselbe Problem stellt sich beim Ausmessen des Auges. Denn dieses ist, wie Dreher erklärt, ein optisches System, das das einströmende Licht auf seinem Weg zur Netzhaut ablenken und verzerren kann. Die herkömmliche Methode zur Bestimmung der Fehlsichtigkeit erlaubt es, die Abbildungsfehler bis zu einem gewissen Grad zu definieren und dann zu korrigieren, einmal in Bezug auf die Fehlsichtigkeit (Kurz- und Weitsichtigkeit) und zusätzlich in Bezug auf die Hornhautverkrümmungen. Doch alles, was über diese Aberrationen erster und zweiter Ordnung hinausgeht, lässt sich nicht präzise messen. Der Optiker erfährt zwar, ob ein Patient die Buchstaben auf der Tafel lesen kann, aber nicht, wie klar er sie sieht, wie es um seine Sehkraft bei diffusem Licht steht und ob er Scheinwerfer verzerrt oder mit einem Lichthof wahrnimmt. Hier setzt Drehers Konzept an. Wie bei der Laserchirurgie der Hornhaut wird das Auge mit einem Aberrometer vermessen. Diese sogenannte Wellenfront-Diagnostik liefert höchst präzise Daten über den optischen Zustand des ganzen Auges. Zum Anpassen dieser individuell massgeschneiderten Gläser nimmt der Optiker mit dem speziellen Ophthonix-Aberrometer also gleichsam einen Fingerabdruck des Auges. Innerhalb einer Minute tastet der Laserstrahl durch die Pupille hindurch 11 600 Punkte des ganzen Auges bis zur Netzhaut ab. Jede Veränderung der Dichte im dreidimensionalen Auge wird genau registriert. Dabei wird auch ermittelt, ob der Kunde überhaupt ein Kandidat für eine mit Wellenfront korrigierte Brille ist oder ob ihm diese keinen zusätzlichen Sehkomfort bringt. Die digitalisierte Augen-Landkarte geht nun zum Hersteller der Gläser nach San Diego. Ähnlich wie beim Brennen einer CD wird eine 0,5 Millimeter starke Plasticpolymer-Schicht mit dem UV-Laser gebrannt und dabei der Brechungsindex über eine grosse Fläche des Glases dem individuellen Augenmuster angepasst. Diese Schicht kommt zwischen zwei hauchdünne Kunststoffgläser zu liegen, die mit der Standardkorrektur präzise vorgeschliffen sind. «Müsste man sie nachpolieren», erklärt Andreas Dreher, «würden die Informationen des Polymers gelöscht.» «Ich hätte nicht geglaubt, dass man eine Brille mit einem individuellen, über die Glasfläche verteilten Brechungsindex herstellen könnte», sagt Michael Mrochen anerkennend. Mrochen ist Privatdozent am Institut für Biomedizinische Technik der ETH Zürich und Partner des Zürcher Instituts für Refraktive und Ophthalmo-Chirurgie. Er hat selber eine ähnliche Methode zur Herstellung von mit Lasertechnologie massgefertigten Kontaktlinsen entwickelt. Die Menschheit habe fast unendlich lange gebraucht, um vom Krümmungsradius einer Linse zu asphärisch geschliffenen Gläsern zu kommen, das heisst von der Korrektur der Kurz- und Weitsichtigkeit zur zusätzlichen Korrektur von Hornhautverkrümmung und Alterssichtigkeit. «Jetzt endlich hält auch der variable *) Brechungsindex Einzug in die Augenoptik», stellt Mrochen fest. «Damit eröffnen sich ungeahnte Möglichkeiten.» Diese Möglichkeiten faszinieren Eduard Bosshard schon seit Jahren. Der Zürcher Optiker ist stets an der Spitze der technischen Entwicklung dabei. Deshalb hat Ophthonix Bosshards Geschäft in Oerlikon als Standort des ersten Z-View-Wellenfront-Aberrometers ausserhalb der USA gewählt. Seit September ist das Gerät in Betrieb, die Kosten von iZon- Gläsern liegen etwa 20 Prozent über denen für herkömmliche Brillengläser.  
*) Anmerkung: |